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Bargrīzān

Triptychon: Unter dem Rauch

Drei Sonette über die Dächer der Seelenschmiede, die wir Stadt nennen.

(I) Die Einladung des Schornsteinfegers

Dein Spiegelbild des Morgens liegt im Sterben,
Aus dumpfen Höhen tropfen Regenpfützen
Und an Laternen, die den Himmel stützen,
Zerbricht der Tag in schneidend grelle Scherben.

Gewellter Dunst entströmt den trägen Schützen,
Die auch den letzten Splitter rußig färben;
Ein alter Schornstein flucht und faucht Verderben
Und wirbelt Staub auf alle Häusermützen.

Wenn in der Seelenschmiede Abend dämmert,
Der in geschwärzten Schluchten stählt und hämmert,
Verflechten Blicke sich zum Dornenkranz.

Verlasse dein Quartier, wo Brände qualmen,
Bevor sie dich zu Brandungssand zermalmen,
und reiche mir die Hand zum Dächertanz!

(II) Unter dem Rauch

Erkennst du den Rauch, der den Pfeifen entrinnt,
Der aufsteigt und flüchtet aus finsteren Gängen?
Auch jedes Vergessen ist heimliches Drängen –
Gedanken entfliehen und schwinden im Wind.

Du willst sie noch binden und freudig versengen,
Doch atmend verspürst du, wie Luft sie gewinnt,
Sie kühlend umfließt und zu Sternen verzinnt,
Bis flackernde Lichter am Weltmantel hängen.

Die hellsten Gestirne, die glühen und glimmen
Und fern in der endlosen Dunkelheit schwimmen,
Sind Funken aus deiner verzehrenden Glut.

Und während die einen als Erdasche wimmern,
Entkommst du den Flammen, um stärker zu schimmern –
Als einsamer Flüchtling, der unverbrannt ruht.

(III) Taumel, Sturz und Tod

Wir taumeln durch zu Gift verdampften Bächen,
Zur Mündung aller Angst, wo Wolken kauern.
Bedrohlich brodelt Brodem in den Mauern
Und zieht in zähen Zügen aus den Zechen.

Wir warten still, wo Stürze stygisch dauern
Und Türme den gestauten Tau zerstechen,
Als Prismen gleißend in den Abgrund brechen…
Da liegt die Stadt – gelöscht von schweren Schauern.

Verfahlte Frühe ist hinabgeflossen
Und bleibt gemalt in Gassen eingegossen,
Bis weich dein Blut laviert im seichten Nass.

Wie alcyonisch liegen die Gestade,
Wie luminös fliegt deine Kavalkade
Hinauf, erlöst durch deinen Aderlass.

(Erstfassung 2003)

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By Vincent Vaessen

Student of Iranian Studies and currently student assistant at the Oriental Seminar of the University of Cologne.

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