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Digital Humanities

Über Schlaflosigkeit, GNU/Linux und Open Science

In diesem ersten Teil einer Blogartikelserie über Open Science, die in gedanklicher Auseinandersetzung mit den Texten meines Bloggerkollegen Thomas Schad entsteht, geht es um eine schlaflose Nacht vor dem Laptop und erste Assoziationen zu Begriffen der sogenannten Digitalen Transformation.

Letzte Nacht war ich arbeitsbedingt wieder einmal – wie so oft in den letzten Wochen – schlaflos. Durch meine Nachtschichten in der Kinder- und Jugendhilfe kommt mein Schlafrhythmus regelmäßig aus dem Gleichgewicht und pendelt sich erst nach einigen Tagen wieder halbwegs ein. Eigentlich wollte ich an einem Blogpost weiterschreiben und meine Gedanken über Open Science und den Science-Blogging-Workshop von Thomas Schad sortieren, an dem ich neulich mitwirken durfte. Ich steckte aber in einem Gedankenstrudel von allerlei kategorischen Fragen fest, die sich in meinem Kopf nicht sinnvoll entwirren lassen wollten.

Hat Science Blogging so etwas wie einen bestimmbaren Wesenskern, eingravierte Ideale oder ein Ethos, und was würde das beinhalten, wer hat darüber die Definitions- und Deutungsmacht? Widerstrebt es dem Bloggen an sich nicht, irgendwelchen Normen dauerhaft zu gehorchen? Ist Science Blogging wohlmöglich bloß der moderne Ausdruck einer unserer kühnsten und tragischten Bedürfnisse, der langersehnten Rehabilitierung der Utopie? Woran dürfen wir in dieser zerwalteten Welt noch glauben und wofür sollten wir kämpfen? Jagen enthusiastische Science Blogger lediglich einem Traumbild nach, das von unverbesserlichen Opportunisten längst eingefangen und gezähmt worden ist? Wie können wir verhindern, dass der Begriff Open Science zu einer beliebig instrumentalisierbaren Worthülse verkommt? Dienen solche zukunftsträchtigen Begriffe aus dem Wortfeld der digitalen Transformation am Ende wieder nur der Innovationsphraseologie des gegenwärtigen akademischen Apparats und einer immer gieriger werdenden Wissenschaftsindustrie? Welchen Grad der Professionalität erfordert Science Blogging eigentlich? Sind Digital Humanities über jeden Zweifel erhaben, und bedeutet Open Access eigentlich bloß, dass eine Quelle im Netz verfügbar ist? Und vor allem: Sind das nicht vollkommen infantile und laienhafte Fragen, die in akademischer Art und Weise schon längst in Sammelbänden und eigens dafür geschaffenen Journals erschöpfend erörtert wurden und meine Gedanken überflüssig machen?

Meine geistige Überforderung erreichte langsam eine kritische Schwelle, es war Zeit für einen Tee und eine Kippe.

Von GNU/Linux zu Open Science

Richard Stallman, Gründer des GNU-Projekts und des Free Software Movements (Foto von nur_h, lizensiert unter CC BY-SA 2.0)

Statt am Blogpost weiter zu arbeiten, kam ich also in einem Anfall von produktiver Prokrastination nachts um halb zwei auf die glorreiche Idee, GNU/Linux auf meinem Laptop zu installieren (um genauer zu sein Debian 11). Das hatte ich aus halbherziger Motivation früher schon öfter getan, war aber letztendlich immer wieder aus Bequemlichkeit und Konformismus zu Microsoft Windows zurückgekehrt. Diesmal wollte ich Debian in einer sehr schlanken Minimalausstattung installieren, um diese später im Laufe der Zeit nach meinen individuellen Bedürfnissen mit Softwarepaketen zu erweitern. Soweit es möglich ist, möchte ich dabei vollständig auf proprietäre Software verzichten und ausschließlich sogenannte Freie Software einsetzen. Ein Manko allerdings wird mich noch eine Weile begleiten: Die in meinem Laptop verbaute Netzwerk- und Grafikkarte funktionieren nicht ohne proprietäre Firmware. Ein Ziel für die Zukunft wird daher sein, diese unfreien Elemente irgendwann durch freie Alternativen zu ersetzen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der Formatierung der Festplatte, die ich dank eines Tutorials problemlos meistern konnte (das Stichwort lautete hier LVM), saß ich zwei Stunden später, mittlerweile schon etwas müde, vor meinem ThinkPad und bestaunte den minimalistischen xfce-Desktop von Debian 11 (siehe Titelbild). Ein beflügelndes Gefühl der Zufriedenheit überkam mich, eine Art Vorfreude und, so pathetisch es auch klingen mag, ein Hauch von kreativem Schöpferdrang. Es fühlte sich ähnlich an wie ein neues, unbeschriebenes Notizbuch: es wirkte einladend und herausfordernd zugleich. Und dieses Gefühl vermittelt mir ein Begriff wie Open Science ebenso, wobei ich diesbezüglich auch Unbehagen und starke Zweifel verspüre, denen ich mit dieser Artikelserie tiefer auf den Grund gehen möchte. Ich bin eben ein notorischer Bedenkenträger.

Worin aber besteht der Zusammenhang?

Während proprietäre Betriebssysteme und Programme dem Nutzer einen Großteil aller Entscheidungen ohne Interventionsmöglichkeit abnehmen und ihn an vielen Stellen der Freiheit berauben, in vollem Umfang selbst über sein System und seine Daten zu verfügen, ihn sogar ausspionieren und regelrecht entmündigen, ist GNU/Linux (idealerweise) in seiner Philosophie darauf ausgelegt, stets den Nutzer zu befähigen. Da dies, je nach dem, wie man seinen Computer nutzen möchte, auch mal etwas voraussetzungsreicher werden kann, wird man als Nutzer gewissermaßen dazu gezwungen, sich im autodidaktischen Modus mit der Architektur von Hard- und Software zu befassen, was zu komplexeren Lernprozessen führt. Natürlich gibt es ein ansprechende grafische Benutzeroberfläche, aber manche Dinge muss man im Terminal per Tastaturbefehl erledigen, was dank einer großen Online-Community und zahllosen Anleitungen im Netz in aller Regel schnell gelingt. Damit lernt man auch eine Art marginalisierter Gegenkultur von Leuten kennen, die gerne Dinge mit Computern tun, die uns herkömmliche Betriebssysteme wie Windows und MacOS so gar nicht erlauben. Wenn wir heutzutage von der Digitalen Transformation der Gesellschaft und der Wissenschaft sprechen, von Open Science und Open Access, dann müssten wir uns auch im gleichen Atemzug mit der grundlegenden Frage beschäftigen, wie unser Nutzungsverhältnis zur digitalen Welt aussieht. Sind die digitale Transformation und Open Science ohne mündige Nutzer denkbar?

Um es mit Richard Stallman, dem Gründer des GNU-Projekts und des Free Software Movement zu sagen:

“With any program there are two possibilities: The users control the program or the program controls the user.”

Eine weitere grundsätzliche Problematik, die unser gesamtes digitales Dasein und auch die digitale Transformation betrifft, hat Eben Moglen (Professor für Recht und Rechtsgeschichte an der Columbia Law School in New York) in seiner brillianten, wortgewaltigen Rede auf der re:publica 2016 wie folgt zusammengefasst:

“The net that we are making is a net that we don’t want.”

“Fight for you digital rights!”, die zentrale Losung von Netzpolitik.org (Foto von o.tacke, lizensiert unter CC0 1.0)

Mir wurde klar, dass meine Kurzschluss-Aktion, mitten in der Nacht ein alternatives Betriebssystem zu installieren, überhaupt nicht zusammenhangslos war, sondern dass sowohl die Werdungsgeschichte von GNU/Linux als auch die Ideale von Aktivisten für digitale Freiheitsrechte eng mit meinen Gedanken zu Open Science und Blogging verwoben sind.

Um konsequent zu sein und es auch zu bleiben, schreibe ich diesen Blogartikel im Sinne einer praktischen Einübung in LibreOffice unter Debian 11. Es ist der Auftakt einer Blogartikelserie zu einer ganzen Fülle von grundsätzlichen ideellen wie auch sehr konkreten technischen Fragen, wobei ich in steter gedanklicher Auseinandersetzung mit meinem Bloggerfreund Thomas Schad stehe, der auf seinem Blog Neopopulismus ebenfalls eine Artikelserie zu Open Science begonnen hat.

Nach diesem langen Vorlauf folgt nun der Text, den ich Eingangs zu schreiben versuchte…

Ein Workshop als Nährboden für gedanklichen Austausch

Während des Southeast European Studies Student Symposiums hatte ich am 1. April 2023 dankenswerterweise die Gelegenheit, mein Blogprojekt vezvez-e kandū und die Digital Toolbox for Iranian Studies im Rahmen eines Workshops über Science Blogging vorzustellen und von meinen Erfahrungen zu berichten. Dazu eingeladen hatte mich mein langjähriger Freund und Bloggerkollege Thomas Schad, seines Zeichens Historiker, feinfühliger Vielschreiber und erfahrener Science Blogger, der bereits auf viele Jahre produktiven Bloggings zurückblicken kann und gleich mehrere lesenswerte Webseiten betreibt, etwa Inkubator Metamorφ, Neopopulismus, Hermannova und Bosnien in Berlin. Den ursprünglichen Impuls, überhaupt einen Blog zu beginnen, habe ich Thomas zu verdanken, weshalb es mich besonders gefreut hat, Teil seines Workshops sein zu dürfen – auch wenn ich meine kleine Präsentation im Nachhinein als ausbaufähig und verbesserungswürdig bezeichnen würde. Auch möchte ich mich an dieser Stelle bei der Organisatorin Gresa Morina bedanken, die meiner Teilnahme am Workshop ermutigend zugestimmt hat.

In unserer Nachbesprechung des Workshops haben Thomas und ich anschließend eine Vielzahl von Themen schlaglichtartig Revue passieren lassen, die uns bereits seit Jahren sowohl als Inspirationen als auch Problemfelder dauerhaft begleiten. Den Workshop und unsere gemeinsamen Reflexionen möchte ich zum Anlass nehmen, hier einige grundsätzliche Gedanken über Science Blogging, Digital Humanities, Open Science und die Utopie eines freien und offenen Internets niederzuschreiben.

Worthülsen oder ideelle Werte?

Begriffe wie Digital Humanities und Open Science sind in aller Munde, man könnte sogar mit einigem Recht behaupten, dass sie mittlerweile zu inhaltsleeren Schlagwörtern verkommen sind, die von den Akteuren auf dem Wissenschaftsfeld beliebig herumjongliert und zusammengewürfelt werden können, um bestimmte Ziele zu erreichen, die nicht unbedingt kongruent mit den Idealen sind, die den Begriffen eigentlich innewohnen. In diesem opportunistischen Spiel um die Gunst des akademischen Marktes gibt es viele Akteure und Nutznießer. Politische Institutionen, Konzerne, Universitäten und Wissenschaftler verwenden sie teilweise als verheißungsvollen, ofenfrischen Fachjargon. Mitunter kommt es zur Zweckentfremdung und Aushöhlung von Begriffen, etwa wenn sie für PR-Zwecke mißbraucht werden, sei es um sich als innovationsbewußt und wissenschaftsaffin zu inszenieren, Investoren anzulocken oder mittels geschickt formulierter Antragsprosa eine finanzielle Förderung für ein Forschungsprojekt an Land zu ziehen.

Alleine schon wie innerhalb der akademischen Landschaft mit dem Thema Science Blogging umgegangen wird, stößt mir ehrlich gesagt manchmal übel auf. Für mich ist nämlich nach wie vor entscheidend, dass Science Blogging kein willkürliches Mittel zum Zweck sein darf. Es mag zwar imposant und schmackhaft aussehen, wenn im Forschungsantrag von einem projektbegleitenden Science Blog, ja möglicherweise sogar einem Science Podcast und erfolgreicher Wissenschaftskommunikation die Rede ist, jedoch läuft es dabei nicht selten auf halbherzige, kurzlebige, vor allem auf Signalwirkung angelegte Pro-Forma-Blogs hinaus, die kaum der Allgemeinheit dienen, keine Ideale verwirklichen, aber dafür vorrangig die selbstdarstellerischen Bedürfnisse von Institutionen, Antragsstellern und Geldgebern befriedigen.

Für welche Geisteshaltung kann Open Science stehen?

Sicherlich kann (und sollte!) ein guter Science Blog heute karrierefördend sein, aber der Teufel steckt hier in der Perspektive. Wenn wir die Genese und die Ideale von Open Science, Digital Humanities und Science Blogging ernst nehmen wollen, so dürfen sie kein Schlagwort oder Ego-Vehikel sein. Sie sollten vielmehr Spiegel einer Geisteshaltung sein, die auf die ganzheitliche Befreiung des Individuums von epistemischer Hegemonie abzielt und adäquater Ausdruck des Kampfes für unsere digitalen Rechte ist. Blogging, und konsequenterweise auch Science Blogging, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Weg und ein Werkzeug zur individuellen und kollektiven Selbstbefähigung. Im Idealfall ist es ein bewusster, langfristiger sowie kreativ vernetzender Lern- und Wachstumsprozess, der – und das ist ebenso entscheidend – viel Freude machen kann.

Um die oben angesprochene Geisteshaltung soll es im nächsten Teil dieser Blogartikelserie gehen. Es betrifft Ideale, die meines Erachtens für Open Science von tragender Bedeutung sein sollten. Es ist ein Versuch, auf spielerische Weise zu einem möglichen Selbstverständnis zu kommen. Die Stichworte lauten: Freie Software, GNU/Linux, Aaron Swartz, Creative Commons, Chaos Computer Club. Da ich die Serie auch als Lernprozess für mich selbst begreife, werde ich mir in den folgenden Artikeln einen Überblick über die Fachliteratur und verfügbare Ansätze verschaffen.

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By Vincent Vaessen

Works in refugee and youth welfare, former student of Iranian Studies, avid music collector, podcast listener, Linux and free software enthousiast.

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