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Vom Buch der Ewigkeit: Orkhan Mir-Kasimovs “Words of Power”

Eine Rezension zu “Words of Power. Ḥurūfī teachings between Shiʿism and Sufism in medieval Islam. The original doctrine of Faḍl Allāh Astarābādī”.

Die von Faḍl Allāh Astarābādī (1339-1394) initiierte und auf seine metaphysische Doktrin gegründete Ḥorūfī-Bewegung hat über Iran hinaus bis in die heutige Zeit nachhaltigen Einfluss auf diverse religiöse und literarische Strömungen ausgeübt. Dies gilt zunächst für die Entwicklung der türkischen Literaturen, in denen die Dīwān-Dichtung ḥorūfī-geprägter Autoren fest verankert ist. In ʿImād ad-Dīn Nasīmī, einem direkten Schüler Faḍl Allāhs, hat die aserbaidschanische Literatur einen ihrer Nationaldichter gefunden. Auch auf das religiöse Selbstverständnis des alevitischen und bektaschitischen Milieus, das unter osmanischer Herrschaft in komplexen Oppositionsverhältnissen zur sunnitischen Orthodoxie stand, wirkt das Erbe der Ḥorūfī-Bewegung bis heute nach. Doch trotz des breiten Nachhalls der Doktrin Faḍl Allāhs existiert bis heute keine kritische Edition der ihm zugeschriebenen Werke.

Der direkte Schüler und Dichter ˁImād ad-Dīn Nasīmī als Briefmarkenmotiv in der Sowjetunion (1973)
Der direkte Schüler Faḍl Allāhs und bis heute einflußreiche Dichter ʿImād ad-Dīn Nasīmī als Briefmarkenmotiv in der Sowjetunion (1973).

Orkhan Mir-Kasimov, der am Londoner Institute of Ismaili Studies tätig ist und bereits zahlreiche Artikel zur Ḥorūfī-Bewegung verfasst hat, legt mit seiner Publikation Words of Power die erste umfassende inhaltliche Analyse von Faḍl Allāhs Hauptwerk vor, dem ǧāvedān-nāme (das Buch der Ewigkeit). Um zu einer Beschreibung der Originaldoktrin Faḍl Allāhs zu gelangen, wurden vier verfügbare Handschriften des Werks vergleichend betrachtet. In einer Einleitung behandelt der Autor die Biographie und Anhängerschaft von Faḍl Allāh, den aktuellen Forschungsstand sowie Aufbau und Sprache des ǧāvedān-nāme. Anschließend werden in drei Teilen die zentralen Aspekte der Doktrin analysiert.

Allein Mir-Kasimovs Gliederung stellt bereits eine erste Aufbereitung des Inhalts dar, denn die untersuchten Handschriften haben die Merkwürdigkeit gemeinsam, dass die Absätze zusammenhangslos aneinandergereiht sind, als wären sie durcheinandergewirbelt worden. Der Autor hat die Absätze für seine Analyse thematisch gruppiert und bespricht in seiner Einleitung die Plausibilität, nach der es sich hierbei um eine Verschleierungsstrategie gemäß des schiitischen Prinzips der Taqīya handeln könnte, um etwa der Verfolgung durch orthodoxe ʿUlamāʾ zu entgehen. Da das ǧāvedān-nāme allerdings keine offen häretischen Aussagen enthält und sich an der legitimistischen Argumentation klassischer Korankommentare orientiert, hält er es für wahrscheinlicher, dass die formale Unzugänglichkeit des Werks vielmehr Ausdruck der Doktrin selbst ist, wonach alle Prinzipien aufgelöst werden müssen, bevor das wahre Verständnis der göttlichen Wahrheit gewonnen werden kann.

Doppelseite aus einem Exemplar des ǧāvedān-nāme (Anm.: Der Standort des Exemplars ist dem Verfasser unbekannt, für Hinweise bin ich dankbar)
Doppelseite aus einem Exemplar des ǧāvedān-nāme (Anm.: Der Standort des Exemplars ist mir unbekannt, für Hinweise bin ich dankbar).

Kosmogonie und Kosmologie: Die Sprache der Schöpfung

Im ersten Teil (Cosmogony and Cosmology: The Language of the Creation) arbeitet Mir-Kasimov das Fundament für das Verständnis der Doktrin heraus. Faḍl Allāh beschreibt die Struktur und Evolution aller Entitäten des Universums als Evolution einer Sprache, die aus einer vorzeitlichen, absoluten göttlichen Einheit in alle Sphären und Atome des Universums hinabgestiegen sei. Das Universum wird nach dieser metaphysischen Vorstellung im Sinne einer göttlichen Sprache ausgesprochen und aufgeschrieben, weshalb der Autor die Funktionsweise der Doktrin als Semantik, Morphologie und Syntax ausarbeitet. Am Anfang steht die göttliche Einheit als eine rein ontologische, schöpferische Kraft, in der keine Dualität oder Differenzierung existiert und jede Bedeutung identisch mit ihrem jeweiligen sprachlichen Ausdruck ist: Name und Benanntes sind ein und dasselbe, Subjekt und Objekt fallen zusammen. Die Einheit ist weder durch Gedanken noch durch Vorstellungskraft erkennbar und kann allenfalls negativ beschrieben werden. Das ursprüngliche Wort Gottes besteht hierbei aus unteilbaren Elementen, den sogenannten Worten (kalemāt), die gewissermaßen als Phoneme der Schöpfung begriffen werden können. Aus ihnen werden Namen gebildet, die das Werkzeug der Schöpfung darstellen: Sie transportieren metaphysische Bedeutungen (maʿnā) und Wahrheiten (ḥaqīqa) in alles Seiende und machen somit das Seinsprinzip jedes Wesens und Objekts aus, sei es real vorhanden oder lediglich potenziell.

Fazl Allah Astarabadi Javedan-Name manuscript
Fazl Allah Astarabadi Javedan-Name Manuscript

Prophetologie: Der Abstieg des Wortes und seine Rückkehr zum Ursprung

Der zweite Teil (Prophetology: The Descent of the Word and its Return to the Origin) beschreibt die Vermittlung des göttlichen Wortes zwischen Gott und der Schöpfung durch den Menschen in seiner archetypischen Funktion als Prophet (S. 237). Das ǧāvedān-nāme betrachtet den Menschen als den idealen Manifestationsort des göttlichen Wortes und weist ihm und seiner körperlichen Gestalt eine passive, für die Entfaltung der Schöpfung notwendige Rolle zu (S. 217f.). Mir-Kasimov schildert hier unter anderem minutiös, wie die Doktrin mit der theologischen Frage umgeht, ob die göttliche Offenbarung in menschliche Sprache gefasst werden kann und buchstabiert ihre zentralen Konzepte aus: Das Herabsteigen der Offenbarung (tanzīl) in die äußeren Formen (ẓāher) und das Aufsteigen und Zurückkehren zum Ursprung (taʾwīl), was zur Enthüllung der inneren Bedeutungen der Dinge (bāṭen) führt. Als Beispiele und legitimisierende Grundlage dienen Faḍl Allāh die Prophetengeschichten, wobei im Gegensatz zu klassischen Korankommentaren keine früheren Kommentatoren erwähnt werden, sondern die Herleitung im ǧāvedān-nāme ausschließlich auf seiner individuellen mystischen Erfahrung fußt. Den einzelnen Propheten werden bestimmte doktrinale Positionen zugeordnet. In einer weiteren Auffälligkeit des ǧāvedān-nāme zeichnet sich wiederum eine Nähe zum ismailitischen Konzept der islamischen Prophetologie ab: Faḍl Allāh dehnt das Prinzip der Auslegung von Koran und Sunna gleichberechtigt auf jüdische und christliche Quellen aus.

Soteriologie and Eschatologie

Die im dritten Teil (Soteriology and Eschatology) behandelte Erkenntnismöglichkeit und Erlösung des Menschen gibt Mir-Kasimov Gelegenheit dazu, Ambivalenzen und offensichtliche Unstimmigkeiten der Doktrin zu schildern und diese in den zeit- und ideengeschichtlichen Kontext einzuordnen. Beispielsweise legt Faḍl Allāh die Identität des Messias widersprüchlich fest: Einerseits erfüllt das ǧāvedān-nāme die Erwartung der sunnitischen Lehre, indem es Jesus als Erretter bezeichnet, andererseits beschreibt es den Mahdi gemäß schiitischer Lehre als einen Nachkommen Fatimas. Hier gewinnt die teils unauflösbare Argumentationsstruktur des ǧāvedān-nāme an Sinngebung durch die Erläuterungen und Literaturhinweise in den Fußnoten.

In seinen Schlussfolgerungen geht Mir-Kasimov auf drei Hauptfragen ein: Die mögliche Lesart des Werks als Korankommentar, die noch zu präzisierende Verortung der Doktrin zwischen Sufismus und esoterischer Schia sowie der Einfluss christlich apokalyptischer Texte auf die messianistische Tendenz der Ḥorūfī-Bewegung.

Aus einem Exemplar in der türkischen Nationalbibliothek in Istanbul, aus der Handschriftensammlung von Ali Amiri (Millet Ktp., Ali Emîrî Efendi, Far., nr. 1046, vr. 1b, 189b).

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Fazit

Words of Power bietet für eine ganze Reihe von Forschungsfeldern interessante Einsichten und Anknüpfungspunkte. Das ǧāvedān-nāme zeugt von einem originellen Umgang mit islamischen, jüdischen und christlichen Quellen, darunter auch Apokrypha. Es enthält Hinweise auf okkulte Wissenschaften wie Alchemie, Astrologie, Zahlen- und Buchstabenmystik und weist stellenweise indirekte Parallelen zu theologischen Konzepten der Ismailiten, der Metaphysik Ibn ʿArabīs und der Lehre Naǧm ad-Dīn al-Kūbrās auf. Die innere Ambivalenz in Bezug auf theologische Fragen, wie etwa die Deutung der anthropomorphischen Attribute Gottes im Koran, macht es für theologiegeschichtliche Forschung interessant. Auch könnte es, wie Mir-Kasimov erwähnt, das Verhältnis von Sufi-Netzwerken und schiitischer Orthodoxie während und unmittelbar nach der mongolischen Herrschaft beleuchten. Für die Erforschung der alevitischen und bektaschitischen Traditionen der Türkei und des Balkans, wo das Erbe der Ḥorūfī-Bewegung noch immer von Bedeutung ist, könnte dieses Buch zudem eine starke Anregung darstellen, zumal das Verhältnis späterer Ḥorūfī-Dichter zur ursprünglichen Doktrin Faḍl Allāhs bislang noch nicht ausreichend untersucht worden ist.

Ensān-e kāmel – der vollkommene Mensch: Ein in der Sufik verbreitetes Motiv, das in Faḍl Allāhs ǧāvedān-nāme explizit behandelt wird und in der Psychagogik der alevitischen und bektaschitischen Lehre sinnbildlich und ikonografisch bis heute eine tragende Rolle spielt (Anm.: Diese Abbildung stammt nicht aus einem Manuskript des ǧāvedān-nāme).
Ensān-e kāmel – der vollkommene Mensch: Ein in der Sufik verbreitetes Motiv, das in Faḍl Allāhs ǧāvedān-nāme explizit behandelt wird und in der Psychagogik der alevitischen und bektaschitischen Lehre sinnbildlich und ikonografisch bis heute eine tragende Rolle spielt (Anm.: Diese Abbildung stammt nicht aus einem Manuskript des ǧāvedān-nāme).

Der Schreibstil Mir-Kasimovs ist der Komplexität des Gegenstands angemessen. Zwar mag stellenweise der Sprachgebrauch redundant erscheinen, jedoch ist dies der Quelle geschuldet, da Faḍl Allāh seine Grunddefinitionen nach und nach immer weiter ausdifferenziert, bis die einzelnen Aspekte umständlich ineinandergreifen. Der Autor zitiert bei seiner Analyse angemessen großzügig in englischer Übersetzung aus dem Original. Dabei vermeidet er eine Überfrachtung der ohnehin komplexen Zusammenhänge, indem die motivischen und ideengeschichtlichen Einflüsse des ǧāvedān-nāme vor allem zusammenfassend in den Schlussfolgerungen und in den Fußnoten behandelt werden, wo sich für weitere Forschung eine Fülle von Hinweisen finden lässt.

Die inhaltliche Tiefe des ǧāvedān-nāme macht den umfangreichen Anhang besonders hilfreich. Neben einem allgemeinen Index erleichtert ein Glossar der wichtigsten Termini den Einstieg und ermöglicht zielsicheres Nachschlagen der von Faḍl Allāh teils sehr speziell eingesetzten Begriffe. Ein Inventar der besprochenen Hadithe und Überlieferungen, ein Index der Bibel- und Koranzitate sowie ein beträchtlicher persischer Textapparat aller gebrachten Zitate aus dem ǧāvedān-nāme ermöglichen das Nachverfolgen der Quellen.

Words of Power kann einer fachlich interessierten Leserschaft ausdrücklich empfohlen werden und wird hoffentlich in den relevanten Fachrichtungen zu vielen neuen Fragestellungen inspirieren.

Anmerkungen

Diese Rezension ist in der Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 109 (2019) erschienen und unterliegt daher nicht der Creative Commons Lizenz. Für diesen Blogartikel wurde die Transliteration persischer Begriffe und Namen auf das e/o-System geändert.

Weiterführende Literatur

Zur Ḥorūfī-Bewegung, ihren Akteuren und Werken habe ich eine kleine einführende Bibliographie zusammengestellt.

Empfohlene Zitierweise

Vincent Vaessen: Rezension zu: Mir-Kasimov, Orkhan: “Words of Power. Ḥurūfī teachings between Shiʿism and Sufism in medieval Islam. The original doctrine of Faḍl Allāh Astarābādī”. London/New York: I.B. Tauris 2015 (The Institute of Ismaili Studies, Shiʿi Heritage Series 3), in: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 109 (2019), Publikation online verfügbar.

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