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Im Rosenhag: Die Weise von der Rose und der Nachtigall

Von Land zu Land geht eine bittersüße Mär
vom Vogel der bei Mondlicht anstimmt tausend Lieder.

Die Weise von der Rose und der Nachtigall

Als ich verstohlen tastend aus dem Erdreich sproß,
Da war ich Wurzel nur und ledig meiner Farbe.
Doch Morgentau benetzte mich und Zeit verfloß –
Im Jahr des Lichts ward ich der Erde schönste Narbe.

Es standen vierzig Bäume rauschend um mich her,
Der Maulbeer weinte alte Weisen auf mich nieder:
Von Land zu Land geht eine bittersüße Mär
Vom Vogel der bei Mondlicht anstimmt tausend Lieder.

Selbst wachend träume ich von seinem Flügelschlag,
Lass fallen meine Dornen im schweren Duft des Gartens.
Die Dichter wandeln nur bei Tag im Rosenhag,
Doch blüh ich nächtlich auf, ich voller Kelch des Wartens.

Nach dreißig dunklen Monden kam ein ferner Klang,
Da schwieg ich lauschend still und hörte sein Gefieder.
Mein Vogel flog heran und liebte mich und sang,
Und trank von meinem Kelch, und kehrte niemals wieder.

Der Maulbeer klagt die Weise, verschollen ist der Sinn,
Er kannte mich als Wurzel und rühmt noch meine Farbe,
Doch käm mein Vogel wieder, ich gäb mich welkend hin,
Denn sein Gesang ist meines Herzens schönste Narbe.

Mein Freund, du siehst die Blüten dieser Welt vergehen,
Doch lass nicht auch den Duft der Sehnsucht ganz verwehen.
Wenn deine Maulbeerlaute weint im Mondenschein,
Gedenke mein mit Liedern aus dem Rosenhain.

Vincent Vaessen 2011/2022

Titelbild

Historische Fotografie des Mausoleums von Sa’dī in Šīrāz, aufgenommen zwischen 1880 und 1908 von Antoin Sevruguin.

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By Vincent Vaessen

Student of Iranian Studies and currently student assistant at the Oriental Seminar of the University of Cologne.

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